Wenn große Kulleraugen um Hilfe flehen
In der Politik und in der Liebe ist alles erlaubt. Alles? Nein. Bei der Liebe zu Kindern ist dort ein Strich zu ziehen, wo unter Liebe sexuelle Handlungen verstanden werden. Das sieht das Gesetz so, die Gesellschaft so, die Piratenpartei so und eigentlich alle mir bekannten Parteien stimmen hier überein. Von Details wie den genauen Altersgrenzen abgesehen, herrscht eine seltene entschlossene Einigkeit, dass Kindesmissbrauch bestraft werden muss. In der Liebe ist also alles klar.
Doch wie sieht es in der Politik aus? Wie weit darf gegangen werden, diese entschlossene Einigkeit auszubeuten? Ist hier alles erlaubt? Um den Gegner zu diskreditieren oder Gesetzen eine Chance zu geben, für die sonst kaum jemand stimmen würde? Ein Gesetz zum Beispiel, das verpflichtet, sämtliche Suchbegriffe im Internet zu protokollieren. Also alle Eingaben in Google, Bing, Yahoo, etc. Gültig in der ganzen Europäischen Union. Eine Verdächtige also jede Mutter, die nach Hausrezepten für verstopfte Ohren von 5-jährigen sucht. Oder hat das Kind gar Verstopfung? Ein der Pädophilie Verdächtiger jeder Vater, der nach Geburtstagsgeschenken für 3-jährige Töchter “googelt”. Verdächtig ist jeder. Natürlich weiß niemand, ob und wessen man sich auch schuldig macht, denn die Algorithmen und Datenbanken, die darüber Aufschluss geben würden, bleiben geheim.
Um so ein Gesetz auf den Weg zu bringen, muss der Weg im Europäischen Parlament geebnet werden. Dazu nehme man zwei Abgeordnete der Christdemokraten (EPP), der größten Fraktion im Parlament: Tiziano Motti und Anna ZÁBORSKÁ. Man schreibe eine Deklaration und lasse sie von möglichst vielen Parlamentariern unterschreiben. So wird der Kommission signalisiert, dass viele Abgeordnete einen Gesetzesvorschlag im Sinne der Deklaration unterstützen würden.
Die Krux ist jetzt, möglichst viele Abgeordnete zum Unterschreiben zu bewegen. Dazu verpacke man das, was keiner so genau wissen muss, in harmlose Phrasen und garniere die Deklaration mit bisherigen Glanzleistungen der EU. Zum Beispiel so:
“Schriftliche Erklärung zur Schaffung eines europäischen Frühwarnsystems gegen
Pädophilie und sexuelle Belästigung”
Frühwarnsysteme gibt es bereits, zum Beispiel bei der Nahrungsmittelsicherheit. Das ist bei der Bevölkerung gut angekommen, Stichwort Listerienkäse. Also warum nicht gleich in diese Richtung weitermachen:
“…fordert die Mitgliedstaaten auf, ein zwischen den öffentlichen Behörden koordiniertes
Frühwarnsystem nach dem Vorbild des Mechanismus einzurichten, der bereits für den
Nahrungsmittelbereich besteht…”
Gewalt gegen Frauen ist ohne Zweifel ein tatsächliches Problem. Besonders Abgeordnete der Grünen und Sozialdemokraten könnten sich angesprochen fühlen:
“…unter Hinweis auf seine Entschließung vom 26. November 2009 zur Beseitigung von
Gewalt gegen Frauen…”
Demokratie im Internet kommt im Parlament auch sehr gut an, besonders bei Piraten, also schreibe man unbedingt dieses Buzzword hinein:
…”unter Hinweis auf die Notwendigkeit, ein möglichst hohes Maß an virtueller Demokratie
im Internet zu gewährleisten…”
Dumm nur, dass dieses Netz doch tatsächlich alles Benutzer gleich behandelt. “Gleichberechtigung” wäre natürlich ein nur zu positiver Begriff gewesen, also muss es etwas Aktives tun – was es zwar nicht tut, aber so genau muss man das nicht nehmen, man ist ja in der Politik:
“…dass das Netz Pädophilen und sexuellen Belästigern ein freies
Betätigungsfeld eröffnet, indem es sie unbescholtenen Bürgern gleichstellt”
Das Netz in den Augen der Christdemokraten als Pontius Pilatus neuer Waschtrog? Diese Sichtweise war mir übrigens noch nicht bekannt.
Um all den Worten in der Deklaration 29 etwas mehr Gesicht zu geben, bediene man sich eines guten Fotographen bzw. der entsprechenden Bildbearbeitungssoftware – hier geht es übrigens nicht um Hungersnöte in Eritrea, sondern um unsere Europäischen Kinder, also ist hier wirklich Feuer am Dach! Schnell unterschreiben!
Dann müsste man noch eine kleine Anmerkung machen:
“…Richtlinie 2006/24/EG umzusetzen und ihren Anwendungsbereich auf Suchmaschinen auszudehnen…”
Richtlinie 2006/24/EG – was war das noch mal? Ach, wer wird denn an so etwas denken, wenn das Kind doch so flehend und treuherzig schaut und so viele gute Dinge in Deklaration 29 stehen. Also Unterschrift drunter, dann wurde wieder etwas im Sinne der Europäischen Bürger geleistet und man muss sich nicht lange damit aufhalten.
So könnten 324 Abgeordnete gedacht haben, die für eine Erweiterung der Vorratsdatenspeicherung um Inhaltsdaten unterschrieben haben. Oder sie sind tatsächlich für eine Protokollierung aller Suchmaschinenanfragen, was mindestens so schlimm ist, wie Kinder vor den Wagen der Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln zu spannen.
Links
Blogbeitrag von Christian Engström (Piratpartiet)
Deklaration 29 und Stand der Unterschriften








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