28.08.2009

“Nur” drei Kernthemen?

Nachdem ich eine Diskussion zwischen Musikindustriellen, Musikern und der Piratenpartei Deutschlands (vertreten durch Christian Hufgard) auf gulli.de gesehen habe, muss ich sagen, dass offenbar die gesamtgesellschaftliche/wirtschaftliche Bedeutung unserer Themen von der Piratenpartei manchmal nicht klar genug kommuniziert wird.

Am Anfang steht mal die Frage, wie man denn die Kreativen entschädigen kann. Die ist nicht so einfach aus dem Lehrbuch zu beantworten. Genügte es vor 40 Jahren, ein Unternehmen brav nach Stand der BWL-Literatur zu führen, so war das Produkt eher zweitrangig. Zum Überleben genügte das Vorgehen nach Schema F.

Manche Studienrichtungen (z.B. Wirtschaftsinformatik) beschäftigen sich mit Marktsituationen, wo durch Informations- und Kommunikations-Technologie rasche und häufige Veränderungen (“Change”) notwendig wurden, und zwar in einer Art und Weise, die das Verhalten von Marktteilnehmern (“Akteure”) zueinander beeinflussten. Ich schreib das mal sehr salopp: So kann es z.B. in einem Zeitraum sehr gewinnbringend sein, dass Akteure einander auf Teufel komm raus an die Gurgel gehen. Durch den “Change” kommt es schnell und meist unvorhersehbar zu einer Situation, wo das genau die verkehrte Vorgehensweise ist – plötzlich muss man kooperieren, weil sonst die ganze Lieferantenkette/Branche den Bach runter geht. Schon früh wurde dafür das Wort “Koopetition” erfunden, wenn diese Änderungen so häufig sind, dass die Akteure gleichzeitig konkurrieren und kooperieren. Früher bedeutete eine Veränderung, dass man gemächlich auf die nächste Ausgabe des Lehrbuchs wartete oder bis zur Pensionierung, die Jungen kümmern sich schon darum.

Bezüglich der Musikindustrie ist es so, dass Filesharing zuerst von Geeks betrieben wurde. Die Reaktion darauf war und ist es, mit juristischen Kanonen auf Kinder, Jugendliche, Studenten und andere zu schießen, die Zeit / zu wenig Kohle / das technische Interesse haben, um sich mit Filesharing zu beschäftigen.
Da dies nun schon eine geraume Zeit so ist, sehe ich es als Bringschuld der Musikindustrie, uns ein “Friedensangebot” zu machen. Denn die Diskrepanz ist: Wir zerbrechen uns den Kopf darüber, wie wir die Freiheit der Menschen, der Kunst, des Netzes und die Entschädigung der Kreativen unter einen Hut bringen können. Wir werden allein aber nicht die Lösung finden. Sprich, auch wir benötigen den Input der Kreativen, der Verwerter, etc. Diese müssten mit uns in Dialog treten (wie gesagt, das ist deren Bringschuld, das sollte man, nach allem was passiert ist, auch betonen).

In den Wirtschaftswissenschaften wurden Unternehmen untersucht, die in solchen Marktsituationen waren. Manchen haben überlebt, manche sind gestorben. Gestorben sind jene, die an ihrem Konkurrenzdenken im Sinne eines neoliberalen Dogmas, abgeleitet aus  falscher Interpretation von Darwinismus, festgehalten haben. Man könnte auch sagen: Manager, die Evolutionstheorie nur von Powerpoint Folien kennen, könnten ihr Unternehmen wirklich aus dem “Genpool” werfen.  Überlebt haben jene, die eine – ich nenne es “gut österreichische” – Einstellung zum Thema Markt und Konkurrenz hatten. Sprich, man konkurriert soweit es für die Freiheit des Marktes (gemäß österreichischer Schule) und somit auch Gesetzes notwendig ist. Salopp gesagt: Im Sinne eines Sportsgeists der zu Innovation und Wissensvermehrung führt. Man kooperiert aber aus genau dem selben Grund: Innovation und Wissensvermehrung. Die Grenze Kooperation/Konkurrenz lässt sich daher nicht mehr allgemein formal (theoretisch) festlegen – empirisch (praktisch) erwiesen ist jedoch, dass es funktioniert. Und wenn man den Umfragen glauben darf, sind auch die Arbeitnehmer letztlich zufriedener.

Im gesamtgesellschaftlichen/wirtschaftlichen Zusammenhang, insbesondere auch für die Kreativindustrie, stellt unser Profil eine Abkehr vom neoliberalen Dogma (Dogma hier im Sinne von nicht empirisch/praktisch belegt) dar, unter dem diverse Autoren ein falsches Konkurrenzdenken und Marktsystem verstehen.

Die Forderung ist eine Kultivierung der Dialogbereitschaft, die ja nur unter den Randbedingungen der Freiheit und Offenheit marktwirtschaftlich verwertbare Ergebnisse bringen kann. Ansatzweise zeigen wir das ja schon, indem wir sehr transparent und offen sind – und das hat uns seit Mitte 2006 auch nicht geschadet. Damit ist auch klar, dass es keine Änderung an den Kernzielen braucht. Es muss aber auch festgehalten werden, dass die Tiefe der Wirtschaftskrise selbst zumindest zum Teil aus der Verweigerung des Dialogs der Akteure resultierte  – nur weil es Theoretiker gab, die aus ihren stark vereinfachten Konzepten schlossen, dass es den höchsten Profit bringt, wenn sich alle abschotten und gegenseitig vernichten.

Als Partei haben wir somit für die gesamte Gesellschaft etwas zu bieten, nicht nur für bestimmte Gruppen wie “die Raubkopierer”.

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